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Forschungsprojekt zur Fotografie- und Wissensgeschichte

Im Rahmen des DFG-Projekts "Visionen und Visualisierungen. Südamerika in Bildmedien des 19. und 20. Jahrhunderts" forscht Kathrin Reinert über den wissenschaftlichen Einsatz der Fotografie in der Archäologie und Anthropologie in Peru und Argentinien.

Ihre Dissertation trägt den Arbeitstitel:

 Sich (s)ein Bild von Südamerika machen.

Erkenntnis und Imagination in den Fotografien deutscher Forscher (1892 bis 1910).

 

Weitere Informationen zur Arbeit von Kathrin Reinert:

  • Mit a.r.t.e.s. international auf Archivreise in Argentinien: Artikel von Kathrin Reinert über ihre Recherchen in La Plata und Buenos Aires (pdf)
  • Bibliografie von Kathrin Reinert (pdf)

 

Lehmann-Nitsche 1908: Tafel 23. Foto: Reinert nach Beständen des IAI Berlin.

Objektive Bilder für die Forschung

Der außerordentliche Erfolg der deutsch-lateinamerikanischen Wissenschaftsgeschichte liegt zu einem großen Teil in den visuellen Bedingungen der Moderne begründet, insbesondere in den Eigenschaften und Nutzungsmöglichkeiten der Fotografie.

Um 1890 konnte ein Laie bei angemessener Belichtungsdauer serielle, einfach zu transportierende Aufnahmen machen. Parallel war die Ausdifferenzierung der Fachdisziplinen Archäologie und Anthropologie weit fortgeschritten. Für ihre neuen epistemologischen Anforderungen waren die Visualisierungsmöglichkeiten der Fotografie geeignet. Fotografie wurde zu dem Medium, das "mechanische Objektivität" (1) in der wissenschaftlichen Darstellung gewährleisten konnte.

Wissenschaft und nationale Identitäten

Gerade auf diesen Feldern waren Deutsche sowohl als praktische Forscher als auch bei der Entwicklung von international beachteten Methoden führend. Forschung und museale Präsentation von Ergebnissen dienten im Deutschen Reich und den jungen Nationalstaaten Lateinamerikas der Konsolidierung und Untermauerung politischer Ansprüche.

Denn sie zeugten von nationaler Größe und Fortschritt. Gleichzeitig halfen sie bei der Bildung nationaler Gründungsmythen. Im Verlauf des Projekts hat sich gezeigt, dass die Einzeldisziplinen "colonial knowledge" (2) bereitstellten, d.h. mit ihren Ergebnissen auch interne Prozesse zur Landnahme und Verwaltung durch den Nationalstaat unterstützten.

Excursión á los indios tobas 1906: o.S. In: Caras y Caretas. Jg. 9, Nr. 416. Foto: Reinert nach Beständen der Universidad Nacional de La Plata.

Fotos migrieren in populärwissenschaftliche Medien

Charakteristisch ist, dass wissenschaftliche Erkenntnis den Weg in populäre Formate fand. Das Portrait einer Indigenen aus Jujuy taucht kurz hintereinander in zwei Veröffentlichungen auf: Die Abbildung oben zeigt sie sitzend und mit entblößtem Oberkörper als Teil einer ethnisch determinierten Gruppe ('chorotes'). Das Foto erschien auf der Bildtafel 23 in der wissenschaftlichen Publikation von Lehmann-Nitsche und dem Fotografen Carlos Bruch(3) von 1908.

Dieselbe Frau wurde im Zeitschriftenartikel "Ausflug zu den Toba-Indianern" (1906) im Wochenmagazin Caras y Caretas abgebildet (rechte Abbildung). Hier wird ihr Porträt jedoch in einem anderen Ausschnitt und mit der erotisierenden Bildunterschrift: "Una de las indias más bonitas al guiñarle un ojo al aparato fotográfico" abgebildet.

Das Foto des Forscherteams folgte methodischen Regeln zur Erstellung objektiver, wissenschaftlicher Bilder (vergleichbar mit dem Verfahren der Bertillonage aus dem Polizeibereich). Es wird aber umgenutzt für einen populärwissenschaftlichen Beitrag. Die Bildunterschrift macht deutlich, wie über das wissenschaftliche Bild kolonialistische Stereotypen gelegt werden. Blickrichtung und Lesart des Betrachters werden gezielt gelenkt.

Zielsetzung des Forschungsprojekts

Das Projekt soll herausarbeiten, in welcher Weise die epistemologischen Bedingungen der Disziplinen (andine) Archäologie und Anthropologie gemeinsam mit den medialen Möglichkeiten und diskursiven Eigenschaften der Fotografie ihren Beitrag zu der außerordentliche Erfolgsgeschichte der deutsch-lateinamerikanischen Zusammenarbeit geleistet haben.

Untersucht wird der Zusammenhang zwischen Mediennutzung und der Wissenschaftsgeschichte zwischen 1892 und 1910 für Argentinien, Peru, Ecuador und weitere Länder in der Region. Anhand der Nachlässe (4) des Archäologen Max Uhle (1856-1944) und des Anthropologen und Ethnolinguisten Robert Lehmann-Nitsche (1872-1938) soll nachvollzogen werden, an welchen methodischen Vorgaben sich die Aufnahmen der Forscher orientierten, in welcher Form sie weiterverwendet beziehungsweise die Motive, zum Beispiel als Bildpostkarten, umgenutzt wurden und ob es eine Rezeption der Ergebnisse in der europäischen Wissenschaftscommunity gab.

Quellen

Der Fokus liegt auf fotografischen Dokumenten. Bearbeitet werden die Nachlässe von Robert Lehmann-Nitsche und Max Uhle in folgenden Archiven:

Anmerkungen

(1) Daston, Lorraine; Galison, Peter (2010): Objectivity. New York, N.Y.: Zone Books, S. 121.

(2) Ballentyne, Tony (2008): Colonial Knowledge. In: Stockwell, Sarah E. (Hg.): The British Empire. Themes and perspectives. Malden, Mass.: Blackwell Publ., S. 177–197, S. 178.

(3) Lehmann-Nitsche, Robert (1908): Estudios antropológicos sobre los chiriguanos, chorotes, matacos y tobas (Chaco occidental). Resultados generales de la expedición á Jujuy realizada en 1906 por los profesores Doctor Robert Lehmann-Nitsche y Señor Carlos Bruch. Con 50 láminas según fotografías tomadas por Carlos Bruch. Anales del Museo de La Plata, Año 1 (segunda serie).

(4) Das Ibero-Amerikanische Institut Preußischer Kulturbesitz, Berlin, stellt auf seinem Themenportal "Deutsche Blicke auf Lateinamerika – Miradas alemanas hacia América Latina" im Auftrag des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland aus Anlass der "Bicentenarios" im Jahr 2010 verschiedene Ausstellungsprojekte vor, u.a. zu Max Uhle und Robert Lehmann-Nitsche.

(5) Mit Hilfe des Endangered Archives Programme der British Library konnten Teile des Fotoarchivs des Archivo Histórico am Museo de La Plata digitalisiert werden. Sie stehen vor Ort zur Einsichtnahme zur Verfügung. Vgl. Kelly, Podgorny (Hg.) 2012.

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Masotta/Gosselin 2007: 45.

Am 25.2.2013 berichtete Kathrin Reinert beim Hochschulsender Kölncampus in der Sendung „KlärWerk“ über ihr Dissertationsprojekt "Sich (s)ein Bild von Südamerika machen. Erkenntnis und Imagination in den Fotografien deutscher Forscher (1892 bis 1910)."

Anhand ausgewählter Quellen, zum Beispiel der Bildpostkarte mit einem Motiv des Fotografen Guido Boggiani, erläuterte Frau Reinert ihre Forschungsmethode.

Sie sprach über Fotoarchive zu Lateinamerika und die Möglichkeit, Fotos als Quellen für die Geschichtswissenschaft zu nutzen. Studierende erhielten Tipps, wo man in Köln zu Fotografie forschen kann.

Den Podcast zum Nachhören finden Sie hier.

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